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Die Sprache der Mörder von morgen

Die Entmenschlichung der Sprache ist momentan das alarmierendste Anzeichen einer allgemeinen Barbarisierung.
Ich war auf einer Veranstaltung, da sprach der CDU-Integretationsbeauftragte wiederholt davon, so und so viele Flüchtlinge bis da und dahin “abarbeiten” zu müssen. Ein vergleichsweise harmloses Beispiel für einen technischen Diskurs über die Verwaltung von Menschen, dessen eisige Kälte jedoch ahnen lässt: nur ein paar Umdrehungen weiter, nur noch ein paar Attentate oder “Jahrhundertherausforderungen”, dann kannst Du auch den meisten unserer heutigen Bürokraten befehlen was Du willst, sie werden es sachlich und nüchtern – exekutieren.
In Dänemark hat man derweil – ganz demokratisch, per Mehrheitsentscheidung im Parlament – beschlossen, die Wertgegenstände Geflüchteter staatlich einzuziehen. Was sind das für Wertgegenstände? Ein wertvoller Ring, den man mitnahm, um in der Not zu haben? Ein einsames Erinnerungsstück aus dem Familienschatz? Ein Smartphone, das die einzige Verbindung in die alte Heimat ist und das Überlebenstool Nummer 1? Ein Bündel Dollar, die man über alle Grenzen und das offene Meer geschmuggelt hat, als Startkapital für ein neues, besseres Leben?
Wer sagt eigentlich, dass Geflüchtete arm zu sein haben? Thomas Mann kam als reicher Mann in die USA und er verließ die USA als reicher Mann. War er deswegen kein politischer Emigrant?
Der dänische Staat wird zum Dieb am persönlichen Eigentum von Geflüchteten. Und wir ringen währenddessen nicht nur begrifflich um “Transitzonen” oder “Registrierungszentren”, um “Obergrenzen” und “Kontingente”.
“Der Nationalsozialismus hat sich vorsichtig, in kleinen Dosen, durchgesetzt – man hat immer ein bisschen gewartet, bis das Gewissen der Welt die nächste Dosis vertrug”, schrieb der Schriftsteller Stefan Zweig.
Das galt ganz besonders für die Entrechtung ganzer Bevölkerungsgruppen, für den Weg von ihrer Stigmatisierung bis zur physischen Vernichtung. Der Holocaust wurde sorgfältig vorbereitet – als eine Serie von kleinen, für sich genommen überschaubaren Verwaltungsakten. Juden dürfen keine Beamten mehr sein. Jüdische Kinder werden aus den “deutschen” Schulklassen entfernt. Neue “Rassegesetze” definieren “Arier” und Juden und verbieten “Mischehen”. Es folgte eine Kennzeichnungspflicht für Juden in der Öffentlichkeit, ihre Konzentration in Ghettos, ihre Konzentration in Lagern – und als in Auschwitz und Treblinka die Öfen brannten, hatte die “deutsche” (auch die deutschen Juden waren Deutsche) Bevölkerung ihre früheren Kollegen und Nachbarn längst schon aus den Augen und dem Sinn verloren.
Bedenken wir auch, wie jeder dieser Schritte mit neuen Begrifflichkeiten einherging: “Volljude”, “Halbjude”, “Vierteljude”, “Achteljude”, “Mischehe”, “Rassenschande”, “Volkskörper”, “Wirtsvolk”, “Volksschädling” und so weiter und so fort. Aber zum Beispiel auch: “Gefühlsduselei” und “Einsatzbereitschaft” kamen als klassische Kampfbegriffe des deutschen Faschismus in die Welt.
Heute fällt mir spontan ein: “Gutmensch”, “Genderwahn”, “Islamisierung”, “Fluchtwelle”, “Flüchtlingsstrom”, “Sozialschmarotzer” und “Volksverräter”. Manche Parole aus dem Diskurs der vermeintlichen politischen Mitte, wie etwa “Sozial ist, was Arbeit schafft”, könnte man sich als Schriftzug über einem Konzentrationslager durchaus vorstellen. (Danke an Sandra Stoffers für diesen Hinweis)
Das ist zunächst eine sehr bildhafte Sprache, deren Begriffe den Hauptzweck des Begriffs “Begriff” weiträumig umfahren: sie machen nämlich nichts begreiflich, sie erklären nichts und präzisieren nicht – sondern sie verschleiern, verwirren und verwischen und befördern eine aus Ressentiments und pseudowissenschaftlichen Scheinwahrheiten zusammengewürfelte Vorstellung von der Welt.
Auf der Ebene der Propaganda atmet diese Sprache Kleinbürgerromantik, Jahrtausendheroismus und Endzeitdramatik. Klemperer nennt das: “eine Sprache, die für Dich denkt und dichtet.”
Auf der Ebene der Verwaltung gibt man sich derweil betont sachlich, nüchtern und lösungsorientiert im Bezug auf Probleme, die sich nur für den ergeben, der das Weltbild der Propaganda als faktische Realität bereits vollständig verinnerlicht hat.
“Wehret den Anfängen!”, rufen Antifaschistinnen und Antifaschisten seit 1945.  Und nein! Wir leben heute noch nicht im Faschismus. Wir haben noch Möglichkeiten, uns zu wehren, umzusteuern, einen anderen Kurs zu erzwingen.
Wir sind allerdings auch über die Anfänge eines neuen Faschismus schon weit hinaus. Staatliches Handeln entrechtet schrittweise, aber unaufhörlich ganze Bevölkerungsgruppen. Die Sprache sondert sie konsequent aus. Ein rasender, rassistischer Mob geht bereits selbst wieder zur Tat über. Und die Militarisierung schreitet auf allen Ebenen des Lebens mit großen Schritten voran.
Sehen wir dem ins Auge?
Stellen wir uns der Gefahr?
Gehen wir persönliche Risiken ein, um die absehbare Katastrophe zu verhindern?
Diese Fragen stellen sich.
“Erwarte keine andere Antwort als die Deine”, schrieb Brecht … im Exil.

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