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Gastkommentar von Albert Steinhauser
Wiener Zeitung, 18.12.2015


 

Brennende Flüchtlingsheime auf der einen und Terror wie zuletzt in Paris auf der anderen Seite. Rechtsextreme und Islamisten haben mehr Gemeinsamkeiten, als auf den ersten Blick anzunehmen ist. Ist der Islamismus eine andere verwandte Form von Rechtsextremismus? Rechtsextreme inszenieren sich als Rebellen gegen herrschende Systeme.

Die einen gegen den „Westen“, die anderen gegen Regierungen, die nicht das „gesunde Volksempfinden“ exekutieren wollen – und beide vor allem gegen die USA und Israel. Niemand spinnt daher so hartnäckig absurde Verschwörungstheorien wie Rechtsextremisten und Islamisten – der Verbreitung im Internet scheinen kaum Grenzen gesetzt zu sein. Im Mittelpunkt steht dabei stets die heraufbeschworene Bedrohung durch Dritte, die entweder das „reine Volk“ oder die „reine Lehre“ gefährde. Dieses Bedrohungsszenario wird zur Dauermobilisierung der eigenen Anhänger und Anhängerinnen benutzt und dient nicht zuletzt auch der Rekrutierung selbiger. Durch Untergangsszenarien und apokalyptische Endzeitstimmung versammeln sowohl Rechtsextreme als auch Islamisten ihre Anhängerschaft hinter ihren jeweiligen „Führern“.

Die agitative Erregung befindet sich bei beiden extremen Gruppierungen praktisch immer auf dem Höhepunkt. Der selbst skizzierte und gebetsmühlenartig vorgepredigte Untergang rechtfertigt im Extremfall Gewalt als letzte scheinbare Selbstverteidigung.

Täter in selbst inszenierter Opferrolle

Ein gemeinsamer Feind eint bekanntlich und schafft das Gefühl von Gemeinsamkeit. Und tatsächlich: Beide Ideologien übernehmen daher bewusst die Opferrolle. Rechtsextreme sehen sich zum Beispiel gerne von der „Lügenpresse“ verfolgt, die sie verleumde und bewusst missinterpretiere. „Weil wir für euch sind, sind sie gegen uns“, lautet daher die simple Botschaft vom rechten Rand. Auch im Islamismus spielt der Opfermythos eine entscheidende Rolle. Die Instrumentalisierung von Diskriminierungserfahrungen oder die behauptete Aggression des Westens oder Israels sind zentrale Argumente der Islamisten für die Rekrutierung von Dschihadisten. Beide Gruppen wollen über die ständige Opferrolle die Rechtfertigung dafür ableiten, dass sie zu verbalen oder tatsächlichen gewalttätigen Taten schreiten dürfen.

Bedrohte Männlichkeit und Antisemitismus

Sowohl im Rechtsextremismus als auch im Islamismus herrscht ein strenges Patriachat. Führungsfunktionen werden in der Regel ausschließlich von Männern besetzt. Frauen werden auf eine dienende Rolle reduziert. Diese simple Geschlechtertrennung bieten sowohl Rechtsextremismus als auch Islamismus als Zufluchtsorte für bedrohte Männlichkeit in einer sich verändernden Gesellschaft an. Beide sehen im Aufbrechen üblicher Geschlechterrollen eine Verweichlichung und – wie es oft heißt – „Verschwulung“ unserer Gesellschaft. Tatsache ist aber, dass hinter dieser Fassade in Wahrheit sowohl im Rechtsextremismus als auch im Islamismus Unsicherheit über das eigene Männerbild und die Ablehnung einer emanzipierten, freien und gleichberechtigten Gesellschaft stehen.

Die martialischen Rollenbilder bieten den Verunsicherten eine einfache Orientierung. Auch der Antisemitismus spielt sowohl in den Hauptströmungen des Rechtsextremismus als auch des Islamismus eine wichtige Rolle. Hetze und Übergriffe gegen Juden und Israel werden von beiden aktiv betrieben und propagandistisch ausgelebt. Der Antisemitismus ist auch der Punkt, an dem die Gemeinsamkeiten zu einer konkreten Kooperation zwischen Islamisten und Rechtsextremisten verschmolzen sind.

Extremismus erkennen und schwächen

Die gesellschaftliche Auseinandersetzung findet nicht zwischen Rechtsextremisten und Islamisten statt. Wer Islamismus ablehnt, muss sich auch konsequent von Rechtsextremismus und Rechtspopulisten abgrenzen. Die polarisierende Hetze von FPÖ, Identitären oder Pegida ist genauso brandgefährlich wie die Ziele der Islamisten. Sie suchen Feindbilder, um ihre alten Ideen neu zu verpacken, die Gesellschaft zu spalten und zu verunsichern.

Umgekehrt bedeutet gelebter Antifaschismus, mit gleicher Vehemenz Islamisten und ihrer Ideologie entgegenzutreten. Da soll und darf es kein Wegschauen geben. Zivilgesellschaft und linke Bewegungen müssen sich als politischer Gegner des reaktionären Islamismus begreifen. Wer diese Lücke nicht besetzt, darf sich nicht wundern, wenn dann als Folge gegen eine wiedererstarkende Rechte demonstriert werden muss. Nur wer die Parallelen sieht und benennt, wird beide Strömungen schwächen können.


Albert Steinhauser ist Nationalratsabgeordneter und Stellvertretender Klubobmann der Grünen.

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