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ZU NAH DRAN

Gastartikel von RT Moreau

Gestern bin ich zufällig über diesen bemerkenswerten Satz von STEFAN ZWEIG gestolpert: »Der Nationalsozialismus hat sich vorsichtig, in kleinen Dosen, durchgesetzt – man hat immer ein bisschen gewartet, bis das Gewissen der Welt die nächste Dosis vertrug.«

Genau so geht das. Ganz langsam. Ein Jahr, viele Jahre lang. Milligramm für Milligramm. Und fast niemand bemerkt die katastrophale Drift und plötzlich ist da wieder Barbarei und plötzlich wird da wieder gemordet, wo man sich doch beim letzten Mal im »Nie wieder« so einig war. Dazu nachfolgend ein kurzer Text von mir aus BRENNSTOFF Nr. 31 aus dem Jahr 2013, der vielleicht ein wenig mithelfen kann, die Aufmerksamkeit für diesen unseren blinden Fleck und diese subtilen, aber folgenschweren Veränderungen zu schärfen.

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ZU NAH DRAN
Wenn das Böse verliert, weil es gewinnt
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Den Teufel spürt das Völkchen nie,
und wenn er sie beim Kragen hätte.
GOETHE, Faust I

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Es gibt keine große Ver­än­derung, keinen radikalen Schnitt. Die Katastrophe, auf die du wartest, kommt nicht. Und doch, eines Tages wird das Klima gekippt sein. Eines Tages werden wir wieder eine rechtsradikale (oder linksradikale) Regierung haben. Eines Tages werden wir wieder einen Völkermord begangen haben. Eines Tages werden wir uns wieder fragen, wie das möglich war.

Wenn du diese Seite ganz nah an deine Augen hältst, kannst du den Text nicht mehr lesen. Genauso ist unser Verhältnis zur Gegenwart. Wir sind zu nah dran. Wir sehen wenig, wir verstehen noch viel weniger. Lies die Prognosen der Wissenschaftler aus dem Jahr 1900 oder 1950 oder aus irgendeinem Jahr und vergleiche sie mit dem, wie es wirklich gekommen ist. Wir lachen über die Irrtümer von gestern. Wir neigen ehrfürchtig unser Haupt vor den Welterklärern von heute.

Die Katastrophe kommt nie, sie ist immer schon in Gang. Die Veränderungen sind so winzig, du bemerkst sie kaum. In seinem Buch »They Thought They Were Free. The Germans, 1938–45«, erschienen 1955, be­schreibt Milton Mayer diesen Vorgang anschaulich:

»(…) Was niemand zu bemerken schien, war die sich im­mer weiter ausbreitende Kluft zwischen Regie­run­gen und den Menschen … Jeder Schritt war so win­zig, so belanglos, so plausibel gerechtfertigt oder gelegentlich auch ›bereut‹, dass auf täglicher Basis niemand verstand, was das Ganze im Prinzip bedeuten sollte, und wohin all diese ›winzigen Maßnahmen‹ eines Tages führen würden. Auf täglicher Basis verstand es keiner, genau so wenig wie ein Bauer in seinem Feld sein Getreide von einem Tag auf den nächsten wachsen sieht. Jede Handlung ist aber schlimmer als die let­zte, doch nur ein wenig schlimmer. Du wartest auf die nächste, und nächste, und nächste. Du wartest auf das ganz große schockierende Ereignis und denkst, dass die Anderen dich bei deinem Widerstand irgendwie unterstützen werden, wenn solch ein Schock kommt.

Du möchtest nicht im Alleingang etwas unternehmen; nicht einmal darüber reden … Du möchtest dich nicht von deinem Pfad entfernen, um Probleme zu machen; aber das große schockierende Ereignis, wo sich Zehn- oder sogar Hunderttausende dir anschließen werden, kommt niemals. Das ist die Schwierigkeit. Die äußerlichen Formen sind alle vorhanden, alle unberührt, alle beruhigend: die Häuser, die Geschäfte, die Mahlzeiten, die Besuche, die Konzerte, das Kino, die Ferien. Aber der Geist, den du niemals bemerkt hast, weil du ein Leben lang den Fehler gemacht hast, dich mit den äußerlichen Formen zu identifizieren, hat sich verändert. Nun lebst du in einer Welt bestehend aus Hass und Furcht, und die Leute, die hassen und fürchten, wissen nicht einmal selbst, dass, wenn jeder transformiert ist, keiner transformiert ist … Du hast Dinge akzeptiert, die du vor fünf Jahren nicht akzeptiert hättest; oder vor einem Jahr; Dinge, die sich dein Vater niemals hätte vorstellen können. (…)«

Was Milton Mayer da für die österreichische und deutsche Gesellschaft, also für unsere Verwandten zur Zeit des Nationalsozialismus skizziert hat, passt erschreckend genau auf das, was heute geschieht, gerade jetzt, in diesem Augenblick. Nachdem in Frankreich Jean-Marie Le Pen, der Gründer des rechtsextremen Front National, zum ersten Mal die Wahlen verloren hatte, sagte er: »Ich habe verloren, weil ich gewonnen habe – meine Themen sind jetzt von allen akzeptiert.« – »Vor 20 Jahren«, bemerkte Armin Thurnher im FALTER, »vor 20 Jahren hätte der Innenpolitikchef von Ö1 wohl kaum ein entspanntes Gespräch mit dem FPÖ-Chef über dessen Chancen geführt, Kanzler zu werden (vgl. Mittagsjournal vom 7.1.2013).« – Was gestern undenkbar und unmöglich war, heute ist es denkbar und möglich.

MOREAU (2013)

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